Im Stadtteil Bahrenfeld, wo das Leben pulsiert und die Erinnerungen an die Vergangenheit nicht verblassen, stehen die Schatten des NSU-Komplexes erneut im Fokus. Vor 25 Jahren, am 27. Juni 2001, wurde Süleyman Taşköprü in seinem Lebensmittelgeschäft in Altona ermordet. Er war das dritte Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), und die Wunden, die diese Taten hinterlassen haben, sind noch lange nicht verheilt. Ein Hamburger Bündnis gegen Rechts hat nun 200 Geheimakten zu diesem Fall, die am 30. Juni der Bürgerschaft übergeben werden sollen, ins Spiel gebracht. Doch die Ermittlungsbehörden zögern, essentielle Dokumente herauszugeben – ein Umstand, der Fragen aufwirft und Unruhe stiftet.

Die Familie Taşköprü kämpft seit Jahren um Aufklärung. Die Angehörigen fühlen sich von den Behörden im Stich gelassen. Anträge auf einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss wurden immer wieder abgelehnt. Felix Krebs vom Hamburger Bündnis gegen Rechts äußert deutlich: „Die Aktenübergabe soll Druck auf die Bürgerschaft ausüben, um die Aufarbeitung des NSU-Komplexes voranzutreiben.“ Ein unbefriedigendes Gefühl bleibt zurück, da die Freigabe von 141 Handakten des Landeskriminalamts (LKA) vom Generalbundesanwalt abgelehnt wurde. Der Grund? Vorschriften der Strafprozessordnung, die man hier anführt, um die Geheimhaltung zu rechtfertigen.

Ein Schatten der Vergangenheit

Die Mordserie des NSU, die zwischen 2000 und 2007 insgesamt zehn Menschen das Leben kostete, darunter neun Migranten und eine Polizistin, ist ein Kapitel, das nicht nur die Betroffenen, sondern auch die Gesellschaft als Ganzes erschüttert hat. Es ist erschreckend zu wissen, dass die Ermittler zu Beginn in die falsche Richtung suchten. Drogen und organisierte Kriminalität – das waren die Falschspuren, die die Polizei verfolgte. Die Rassismus-Thematik, die so offensichtlich lag, wurde über Jahre nicht erkannt.

In Hamburg, dem einzigen Bundesland, in dem der NSU mordete, ohne dass ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss eingesetzt wurde, bleibt die Aufklärung der Vergangenheit unvollständig. Während in anderen Bundesländern wie Mecklenburg-Vorpommern bereits Untersuchungsausschüsse eingerichtet wurden, um Versagen der Behörden und die Rolle von V-Leuten in der rechten Szene aufzuklären, hat Hamburg sich für eine wissenschaftliche Untersuchung entschieden, die mit einem Budget von 900.000 Euro unter der Leitung von Constantin Goschler durchgeführt wird.

Familie Taşköprü und der Kampf um Gerechtigkeit

Die Familie Taşköprü hat eine dunkle Zeit durchlebt. Statt Unterstützung erlebten sie Verdächtigungen und Observierungen durch die Polizei. Okan Taşköprü, der Neffe des Ermordeten, berichtet von dem Gefühl der Hilflosigkeit und den Selbstzweifeln, die die Familie durch diese falschen Verdächtigungen erlitten hat. „Es war wie ein Schatten, der uns die ganze Zeit verfolgte“, sagt er. Die Erinnerungen an den Vater, der verdächtige Männer in der Nähe des Ladens sah, aber von der Polizei nicht ernst genommen wurde, treiben die Familie weiterhin an. „Wir fordern einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss“, so Okan, „denn die wissenschaftliche Aufarbeitung reicht nicht aus.“

Werbung
Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Die Stadt Hamburg hat mittlerweile einen Antrag auf gerichtliche Entscheidung beim Oberlandesgericht Karlsruhe eingereicht, um die Freigabe der Akten zu erzwingen. Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit hebt hervor, wie wichtig diese Akten für die Aufarbeitung sind. „Es geht nicht nur um die Vergangenheit, sondern auch um das Sicherheitsgefühl der Angehörigen“, erklärt Jan Hildebrandt von der Opferberatung Rheinland. „Ohne vollständige Aufklärung bleibt ein mulmiges Gefühl zurück.“

Der NSU und seine Strukturen

Die Geschichte des NSU ist tief verwurzelt in einem Netz von rechtsextremen Strukturen. Die Mitglieder, Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt, stammten aus Jena und wurden in der Skinhead-Szene der 90er Jahre geprägt. Abgelehnt von der Gesellschaft und den Institutionen, entwickelten sie sich zu einer der gefährlichsten terroristischen Gruppen Deutschlands. Ihre Taten waren nicht nur Mord, sondern auch ein Angriff auf die Werte unserer Gemeinschaft.

Der NSU führte nicht nur eine Mordserie aus, sondern beging auch Banküberfälle und Sprengstoffanschläge. Die Dimension dieser Verbrechen hat eine umfassende gesellschaftliche Diskussion über Rassismus und Integration ausgelöst. Der NSU-Skandal hat die Sicherheitsbehörden in den Fokus gerückt und Fragen zu deren Versagen aufgeworfen. Es sind nicht nur die Taten, die schockieren, sondern auch das Versagen der Systeme, die uns schützen sollten.

Vor dem Hintergrund dieser Geschehnisse plant die Familie Taşköprü, anlässlich des 25. Todestages von Süleyman Essen an Bedürftige und Obdachlose zu verteilen. Ein kleiner Lichtblick inmitten der Dunkelheit, ein Zeichen der Menschlichkeit, das den Schmerz der Vergangenheit nicht auslöscht, aber vielleicht einen neuen Weg in die Zukunft weist.