In St. Georg, im Herzen Hamburgs, gibt es momentan einen Prozess, der die Gemüter bewegt. Ein 54-jähriger Polizeibeamter steht wegen Körperverletzung im Amt vor Gericht. Der Vorwurf? Am 28. März 2023 soll er einen in Gewahrsam genommenen Mann ohne ersichtlichen Grund auf eine Bank gedrückt und ihm einen Fußtritt gegen den Oberschenkel verpasst haben. Die Situation eskalierte, als der 26-jährige Mann zuvor einer Kollegin des Angeklagten mit dem Fuß gegen das Knie getreten hatte. Ein Vorfall, der zeigt, wie schnell Dinge außer Kontrolle geraten können.
Der Polizist wurde in erster Instanz vom Amtsgericht St. Georg verurteilt. 120 Tagessätze zu je 150 Euro, insgesamt also eine deftige Geldstrafe von 18.000 Euro. Aber auch der in Gewahrsam genommene Mann blieb nicht ungeschoren. Er erhielt eine Strafe von 150 Tagessätzen zu je 10 Euro – und das, obwohl er bereits vorbestraft war wegen Körperverletzung, Widerstand, Diebstahl, Schwarzfahren und Beleidigung. Man fragt sich, wo das alles hinführt und wie die Strukturen einer Gesellschaft auf solche Vorfälle reagieren.
Einblicke in die Hintergründe
Der Angeklagte kannte den obdachlosen Mann aus Somalia, da er als bürgernaher Beamter tätig ist. Der 26-Jährige hatte zuvor am Hansaplatz Passanten belästigt, was letztlich zu einem Platzverweis führte. Die ganze Situation schien zu kippen, als er später fesselt ins Polizeikommissariat gebracht wurde, wo er auf einer Bank warten musste. Während dieser Wartezeit trat er dann einer Polizeianwärterin mit dem Schuh gegen das Knie. Und kurz darauf folgte der Fußtritt des Polizisten. Verteidiger argumentieren, es könnte sich um eine Nothilfesituation gehandelt haben, doch die Frage bleibt: Wo endet die Autorität und wo beginnt die Gewalt?
Interessant ist, dass es nicht festgestellt werden konnte, dass der 26-Jährige bei dem Vorfall verletzt wurde oder Schmerzen erlitt. Der Angeklagte selbst bestreitet, den Mann unnötig grob behandelt zu haben, und äußerte, es tue ihm leid, gegen Bürger vorgehen zu müssen. Die Vorsitzende Richterin regte an, das Verfahren wegen Verzögerungen gegen eine Geldauflage von 12.000 Euro einzustellen. Der Prozess wird am 13. Mai fortgesetzt, und die Spannung wächst.
Ein größeres Bild
In einem breiteren Kontext zeigt dieser Fall die Herausforderungen, mit denen die Polizei in Deutschland konfrontiert ist. Das Forschungsprojekt KviAPol, gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), untersucht polizeiliche Gewaltanwendungen und deren strafrechtliche Aufarbeitung. Die Ergebnisse, die in einem Buch mit dem Titel „Gewalt im Amt“ zusammengefasst wurden, beleuchten übermäßige Gewaltanwendungen durch Polizeibeamt*innen und stellen diese als komplexe Interaktionsgeschehen dar. Die Strukturen sind vielschichtig, und die Verantwortung liegt oft in den Händen der Polizei selbst.
Das Buch wird 2025 ins Englische übersetzt und ist bereits jetzt im Open Access verfügbar, sodass jeder die Ergebnisse einsehen kann. Bei einer Betroffenenbefragung mit über 3.300 Teilnehmenden und zahlreichen qualitativen Interviews kommen die häufigen, sensiblen Themen zur Sprache. So wird klar, dass die Thematik nicht nur in Hamburg, sondern bundesweit von enormer Bedeutung ist. Ein Thema, das die Gesellschaft spaltet und Fragen über Autorität, Gewalt und Gerechtigkeit aufwirft.