St. Georgs gescheiterter Traum: Als Hamburg ein kleines Manhattan plante
Am 20. Juni 1966, das war ein bedeutender Tag in Hamburg, stellte das Wohnungsunternehmen Neue Heimat seine ambitionierten Pläne für das Alsterzentrum vor. Man könnte fast sagen, es war der Beginn einer urbanen Revolution – oder einer Kontroverse. Das Projekt sah eine radikale Umgestaltung von St. Georg vor. In der Vorstellung der Architekten sollten hoch aufragende Gebäude, bis zu 63 Stockwerke hoch, wie Pyramiden in den Himmel schießen und Platz für sage und schreibe 20.000 Menschen bieten. Ein wahres kleines Manhattan mitten in Hamburg, so die Vision! Die geschätzten Baukosten? Mehr als zwei Milliarden D-Mark. Das war damals eine astronomische Summe.
Die Planung umfasste nicht nur Wohnraum, sondern auch eine Vielzahl an Gewerbeflächen, ein großes Einkaufszentrum und eine Tiefgarage mit 16.000 Stellplätzen. Das klang alles sehr verlockend, aber der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Um Platz für dieses gigantische Projekt zu schaffen, sollte der gesamte gewachsene Stadtteil St. Georg abgerissen werden – bis auf die evangelische Dreieinigkeitskirche und die katholische Kirche St. Marien. Ein echter Kulturkampf, wenn man so will, denn die Anwohner und Grundeigentümer meldeten sich zu Wort und forderten eine Beteiligung an den Planungen. Der Widerstand wuchs und man begann zu fragen: Ist das wirklich der richtige Weg?
Die Welle des Widerstands
Zu Beginn schien das Projekt eine breite Unterstützung zu genießen, auch im Hamburger Senat. Doch mit der Zeit wurden die kritischen Stimmen lauter. Der Widerstand gegen die drohenden Zwangsumsiedlungen der Bewohner nahm zu, und die Frage nach dem Sinn eines derart überdimensionierten Bauvorhabens stellte sich immer drängender. Die Pläne sahen eine Gesamtlänge des Komplexes von 700 Metern vor, und das höchste Gebäude sollte bis zu 200 Meter hoch werden. Ein ehrgeiziges Unterfangen, das in der Realität immer weniger Rückhalt fand.
Schließlich, im Jahr 1973, verkündete der damalige Erste Bürgermeister Peter Schulz das Aus für das Alsterzentrum. Die Pläne wurden endgültig aufgegeben, und die bestehenden Häuser in St. Georg blieben erhalten. So wurde aus dem kleinen Manhattan nichts, und die Vision einer radikalen Neugestaltung der Stadt zerfiel wie ein Kartenhaus. Das Alsterzentrum wurde nie gebaut – ein Beispiel für die Herausforderungen, die mit städtischer Entwicklung und dem Wunsch nach Veränderung einhergehen können.
Ein Blick in die Vergangenheit
Wie oft wurden große Träume geschmiedet, nur um im Angesicht der Realität zu scheitern? Das Alsterzentrum steht exemplarisch für die Spannungen zwischen Fortschritt und Tradition, zwischen dem Wunsch nach modernem Wohnraum und der Wertschätzung historischer Strukturen. Ein kleines Stück Geschichte, das nicht nur Hamburg, sondern auch das ganze Land prägte. In St. Georg finden sich heute noch die Spuren dieser Auseinandersetzung. Die Stadt lebt weiter, die Menschen auch, und die Geschichten der Pläne, die nie Wirklichkeit wurden, erzählen von den wechselhaften Zeiten der Urbanisierung.
Wir stehen nun 60 Jahre nach der Präsentation dieser Pläne. Die Stadt hat sich verändert, doch der Geist der damaligen Diskussionen ist nach wie vor spürbar. Was bleibt, ist der Blick auf eine Stadt, die sich ständig wandelt – oft in einem Spannungsfeld zwischen Vision und Wirklichkeit.
