Die Tradition der Wanderschaft: Einblicke in das Leben von Wandergesellen
In Neustadt sind zwei Wandergesellen, Victor aus Hamburg und Justl aus Ostsachsen, unterwegs auf ihrer dreijährigen und einen Tag dauernden Walz. Diese Tradition, die ihren Ursprung im Spätmittelalter hat, dient dazu, erlernte Fertigkeiten zu vertiefen und persönliche Erfahrungen zu sammeln. Wandergesellen begeben sich auf eine Reise, um neue Arbeitspraktiken und Regionen kennenzulernen, was nicht nur ihre beruflichen Fähigkeiten erweitert, sondern auch ihre Lebenssicht prägt. In Deutschland gibt es nur sieben oder acht Zunfthäuser, die als Herbergen für Wandergesellen fungieren. Eines dieser seltenen Zunfthäuser befindet sich in Neustadt und wird vom Verein zur Förderung von Ökologie und Selbstverwaltung Wespe gesponsert, der zudem einen Ökohof betreibt. Diese Herbergen bieten nicht nur Unterkunft, sondern auch eine wichtige Anlaufstelle für die Gesellen, um sich auszutauschen und ihre Erfahrungen zu teilen. [Quelle]
Der Begriff „Wanderjahre“ beschreibt die Zeit der Wanderschaft zünftiger Gesellen nach Abschluss ihrer Lehrzeit. Historisch gesehen war die Wanderschaft eine Voraussetzung für die Meisterprüfung und wurde in den Wanderordnungen der Zünfte festgelegt. Gesellen, die auf Wanderschaft sind, bezeichnet man oft als „Fremde“ oder „Fremdgeschriebene“. Die Tradition hat sich über Jahrhunderte entwickelt, wobei Überlieferungen überwiegend aus dem Zeitraum zwischen dem späten 18. und frühen 20. Jahrhundert stammen. Die Wanderschaft ist nicht nur eine Reise, sondern auch ein kultureller Austausch, der durch Gedichte, Lieder und Geschichten geprägt ist. Diese Tradition wurde im Dezember 2014 als immaterielles Kulturerbe in das Bundesweite Verzeichnis aufgenommen und 2015 von der UNESCO ausgezeichnet. [Quelle]
Die Reise der Wandergesellen
Ein Geselle beginnt seine Reise mit einem bescheidenen Startkapital von fünf Euro oder Schweizer Franken. Zunächst wird er von einem erfahrenen Gesellen begleitet, der ihn in die Traditionen und Bräuche der Wanderschaft einführt. Eine wichtige Regel besagt, dass der Geselle den Bannkreis von 50 km um seine Heimatstadt nicht betreten darf. Während ihrer Reise tragen die Wandergesellen eine spezielle Kluft und einen schwarzen Hut, ergänzt durch einen Stenz (Wanderstock) und ein Charlottenburger (Reisebündel). Ihr persönliches Reisebuch dokumentiert dabei alle Arbeitsaufenthalte und Reisestationen. Diese Dokumentation ist nicht nur für die eigene Erinnerung wichtig, sondern auch für die Gemeinschaft, der sie sich anschließen. [Quelle]
Die Wanderschaft hat sich im Laufe der Zeit verändert, blieb jedoch ein fester Bestandteil des Handwerks. Während der Weltkriege und des Nationalsozialismus nahm die Zahl der reisenden Gesellen stark ab. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg wuchs das Interesse an der traditionellen Walz wieder. In der DDR war das zünftige Reisen verboten, aber ab 1980 wurde das Traditionsbewusstsein gestärkt, und viele neue Schächte wurden gegründet. Diese Entwicklung zeigt, dass die Wanderschaft nicht nur eine berufliche, sondern auch eine kulturelle Dimension hat, die die Lebensweise und die Werte der Gesellen prägt.
Die Verantwortung gegenüber der Kluft und den anderen Gesellen wird während der Walz großgeschrieben. Die Gesellen entwickeln ein starkes Gemeinschaftsgefühl und pflegen den Austausch mit einheimischen Gesellen und Herbergen. Traditionelle geheime Versammlungen, auch als „Aufklopfen“ bekannt, finden in diesen Herbergen statt und stärken die Bindung innerhalb der Gemeinschaft. So bleibt die Walz ein sichtbarer Aspekt des Handwerksreisens und ein Teil eines umfassenderen kulturellen Erbes, das von Generation zu Generation weitergegeben wird.
