Kinderarztpraxis in Rahlstedt: Ein Alarmsignal für die Gesundheit unserer Kinder
Die Situation der kinderärztlichen Versorgung im Osten Hamburgs ist seit Jahren ein heißes Eisen. Besonders in Rahlstedt wird es jetzt noch schwieriger. Die Kassenärztliche Vereinigung Hamburg (KV) hat die Schließung der dortigen Kinderarztpraxis an der Grubesallee zum 31. Dezember 2026 beschlossen. Ein Schritt, der die ohnehin schon angespannte Lage weiter verschärfen wird. Die Praxis wurde 2024 eröffnet, um den Bedürfnissen der kleinen Patienten in der Region gerecht zu werden – aber das hat leider nicht gereicht.
Dr. Michael Reusch, der Vorsitzende der KV Hamburg, hat mit Bedauern die wirtschaftlichen Gründe für die Schließung genannt. Die Praxis hat es nie geschafft, sich finanziell zu tragen. Ein jährliches Defizit von bis zu 200.000 Euro muss von den Vertragsärzt:innen und Psychotherapeut:innen getragen werden. Das klingt nach einem schier unlösbaren Problem. Die aktuelle Gesetzgebung, vor allem das Beitragssatzstabilisierungsgesetz, hat ebenfalls zu erheblichen Honorarverlusten geführt. Bis zu 30 Prozent weniger Geld für die Praxen – das ist schon eine Hausnummer.
Ein falsches Signal für bedürftige Familien
Klaus Wicher, der Landesvorsitzende des Sozialverbands Deutschland (SoVD), hat die Schließung scharf kritisiert. Er sieht darin ein falsches Signal, gerade weil viele Familien dringend auf die Versorgung angewiesen sind. Die Schließung der Kinderarztpraxis trifft vor allem die sozial benachteiligten Stadtteile, wo der Zugang zu medizinischer Versorgung oft schon schwierig ist. Wicher fordert eine verlässliche Erfüllung des gesetzlichen Sicherstellungsauftrags für die ambulante Versorgung, insbesondere für Kinder und Jugendliche. „Gesundheitsversorgung sollte nicht vom Einkommen oder Wohnort abhängen“, betont er. Ein Satz, der nachhallt.
Die KV Hamburg hat angekündigt, die umliegenden Praxen zu kontaktieren, damit die kleinen Patienten eine neue Anlaufstelle finden. Aber ob das ausreicht? In sozialen Brennpunkten, wo Familien oft von Armut betroffen sind, wird die medizinische Versorgung häufig schlechter. Hier wird es knifflig. Der SoVD plädiert für eine solidarische Bürgerversicherung und finanzielle Anreize für Praxen in sozialen Brennpunkten. Zumindest ein Versuch, die Situation zu verbessern.
Die allgemeine Versorgungsproblematik
Die Schließung der Kinderarztpraxis ist nur ein Teil eines größeren Puzzles. Laut einer Umfrage berichten 41 Prozent der Bürgerinnen und Bürger von einer Verschlechterung der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung in den letzten fünf Jahren. In ländlichen Gebieten ist die Situation noch kritischer: Hier nehmen 47 Prozent der Befragten eine Verschlechterung wahr. In urbanen Räumen ist die Wahrnehmung zwar nicht ganz so dramatisch, doch auch hier sind es 37 Prozent, die unzufrieden sind.
Die Erreichbarkeit medizinischer Einrichtungen ist in Städten deutlich besser, während in dünn besiedelten Regionen die Wege zur nächsten Gesundheits- oder Pflegeeinrichtung im Durchschnitt doppelt so lang sind. Das ist nicht nur frustrierend, sondern kann auch ernsthafte Konsequenzen für die Betroffenen haben. Wenn der nächste Arztbesuch zur Odyssee wird, bleibt oft nur noch der Frust – und der Wunsch nach Veränderung.
So steuert die Schließung der Kinderarztpraxis in Rahlstedt auf eine bedrohliche Situation zu. Die Stimmen, die eine grundlegende Reform des Gesundheitssystems fordern, werden lauter. Es bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen endlich die Notwendigkeit erkennen, gerechte und solidarische Rahmenbedingungen für die Gesundheitsversorgung zu schaffen, bevor es zu spät ist.
